Nachruf
 
       
     

Winfried B. Lerg

      von Arnulf Kutsch
       
      Er hatte schon damit begonnen, verschiedene wissenschaftliche Projekte zu konzi-
pieren für die Zeit nach seiner nahenden Emeritierung. Dem weiteren Aufbau des
„Freien Russisch-Deutschen Instituts für Publizistik“ der Moskauer Lomonossow-
Universität, das wesentlich auf seine Initiative hin Anfang Januar 1994 gegründet
worden war und an dem er noch in diesem Februar ein Seminar veranstaltet hatte,
wollte er sich zudem widmen. Doch sein längst verdientes „otium cum dignitate“ ist
ihm nicht mehr vergönnt gewesen; die Muße für eine „summa“ seines vielfältigen
Oeuvres war ihm nicht gegeben. Am 15. April 1995 ist Winfried B. Lerg in Münster
im Alter von 62 Jahren überraschend gestorben.
         
     

Nach dem Zeithistoriker und Publizistikwissenschaftler Walter Hagemann und dem
niederländischen Soziologen und Kommunikationswissenschaftler Henk Prakke war
Winfried B. Lerg der dritte Direktor des Instituts für Publizistik in Münster seit seiner
Neugründung im Jahre 1946. Mit seinen beiden Vorgängern auf dem Münsteraner
Lehrstuhl hat Lerg lange Jahre zusammengearbeitet: Er war von 1955 bis 1958 stu-
dentischer Mitarbeiter von Walter Hagemann und von 1960 bis 1969 wissenschaft-
licher Assistent von Henk Prakke, der auch Lergs Promotion und Habilitation betreute.
Die Spuren der wissenschaftlichen Ansätze seiner beiden akademischen Lehrer blieben
in Lergs historischen, systematischen und prognostischen Forschungsarbeiten unver-
kennbar - und wie seine beiden Vorgänger hat Lerg sich die Pflicht auferlegt, das Fach
in Lehre und Forschung, bei der Vergabe von Magister- und Dissertationsthemen in
seiner ganzen Breite zu berücksichtigen. Er wollte dadurch einen Beitrag zur „kogni-
tiven Identität“ der Disziplin leisten, vor allem seine Studenten zu den genuin kommu-
nikationswissenschaftlichen Grundfragen und -problemen leiten und sie ihnen verständ-
lich machen - mit welchem Erkenntnisinteresse und auf welcher Reflexionsebene jene
auch immer angegangen wurden. Angesichts des immer stärker ausufernden Faches
schien ihm dies unverzichtbar.

 
         
      Nach einem Semester an der Rheinischen Friedrich-Wilhems-Universität Bonn kam
Winfried B. Lerg (*23 August 1932 in Frankfurt/Main) als Student der Publizistik, Neue-
ren Geschichte und Sozialwissenschaften im Sommersemester 1953 an die Westfälische
Wilhelms-Universität Münster, deren Institut für Publizistik sich unter der Leitung von
Walter Hagemann zu der wohl damals renommiertesten Lehr- und Forschungseinrich-
tung des Faches entwickelt hatte. Während seiner Studienzeit erlebte Lerg den Zenit
von Hagemanns akademischem Wirken. Freilich, sein Lehrbuch über die systematische
Publizistikwissenschaft hatte Hagemann schon gut fünf Jahre zuvor publiziert, auch
seine bahnbrechende Studie über die totalitäre Medienlenkung im „Dritten Reich“ sowie
die medienkundlichen Monographien über die Zeitung und den Film (Hagemanns Rund-
funkkunde „Fernhören und Fernsehen“ erschien 1954). Doch dieser - nach der politi-
schen Diskreditierung des Faches in den Jahren der na­tionalsozialistischen Diktatur
nicht unproblematische - Neuanfang begann, in der Zusammenarbeit mit dem Assisten-
ten Günter Kieslich und den Studenten Früchte zu tragen. Hervorgehoben seien nur die
erste, Anfang Dezember 1954 veranstaltete Stichtagssammlung von Zeitungen in der
Bundesrepublik und Berlin (West), die von Hagemanns Schüler Walter J. Schütz bis
heute fortgeführt und zu einer pressestatistischen Standarderhebung entwickelt
worden ist, ferner die 1956 durchgeführte Querschnittsanalyse der deutschen Zeit-
schrift, in deren Rahmen Lerg die Werkzeit­schriften untersuchte, sowie endlich die im
gleichen Jahr unternommene Enquete zur sozialen Lage der bundesdeutschen Jour-
nalisten. Ebenfalls seit 1956 gab Walter Hagemann gemeinsam mit Emil Dovifat und
Wilmont Haacke die Zeitschrift `Publi­zistik` als zentrales Fachorgan heraus, deren
Redaktion im Münsteraner Institut Günter Kieslich und Walter J. Schütz versahen. Zu
den Autoren gleich des ersten Jahrgangs gehörte auch der Student Winfried B. Lerg,
der in dieser Zeitschrift seinen ersten wissenschaftlichen Beitrag veröffentlichte¹. In
der unterdessen vierzigjährigen Geschichte der `Publizistik`, die er ungeachtet der
zahlreichen Neugründungen von fachwissenschaftlichen Periodika in den vergangenen
Jahrzehnten stets als das wichtigste Publikations- und Diskussionsforum der Disziplin
betrachtete, zählte Lerg zu ihren prominentesten und engagiertesten Mitarbeitern. In
der `Publizistik` hat er grundlegende historische und systematische Aufsätze veröffent-
licht, von welchen inzwischen verschiedene an anderer Stelle erneut publiziert wurden;
für die Zeit­schrift hat er schon während seines Studiums undankbare, gleichwohl mit
der für ihn so typischen Gewissenhaftigkeit ausgeführte bibliographische Arbeiten über-
nommen, als Autor zahlloser Rezensionen bestechende Fachurteile abgegeben und in
einer Fülle von penibel recherchierten Nachrufen an die „historische Identität“ des Faches und seine interdisziplinären wie internationalen Traditionslinien erinnert.
 
         
     

Als Walter Hagemann 1959 von seinem akademischen Amt suspendiert wurde und sein
Assistent Günter Kieslich im Jahr darauf an die Freie Universität Berlin wech­selte, er-
fuhr Lerg aber auch, wie verwurzelt noch immer die akademischen Vorbehalte gegen-
über der Publizistikwissenschaft waren und wie fragil das Fundament ihrer institutio-
nellen Selbständigkeit an der Universität Münster, wo man nun Überlegungen anstellte,
die Disziplin anderen Fächern zuzuschlagen. Lerg hat seinen Teil dazu beigetragen, daß
diese Situation nicht eintrat. Der als Memorandum zur Rettung des Instituts von ihm
zusammen mit seinen Kommilitonen Georg Hellack und Siegfried Kessemeier Ende 1959
verfaßte „Bericht über die Arbeit und Ausstattung des Instituts für Publizistik der West-
fälischen Wilhelms-Universität“ verfehlte jeden­falls die beabsichtigte hochschulpoli-
tische Wirkung nicht. Mehr noch als dieses En­gagement waren es jedoch die profun-
den Kenntnisse und die wissenschaftlichen Qualitäten, die Lerg sich im Studium und als
studentischer Mitarbeiter von Walter Hagemann erworben hatte, welche Henk Prakke
auf den Doktoranden aufmerksam machten und als neuen Assistenten empfahlen, als
der damals schon 6ojährige Niederländer im Frühjahr darauf den Münsteraner Lehr-
stuhl und die mit ihm verbundene Institutsleitung übernahm.

 
         
      Wie glücklich diese Wahl gewesen war, erwies spätestens Lergs noch von Hagemann
inspirierte Doktorarbeit über die „Entstehung des Rundfunks in Deutschland“, mit
welcher er Anfang Februar 1964 promovierte. Wohl kaum eine andere Dissertation
hatte bis dahin im Fach so zahlreiche und glänzende Kritiken erhalten wie diese auf
einer minutiösen Recherche und historisch-kritischen Auswertung der zugänglichen
Akten und vieler weiterer Quellen beruhenden Rundfunkgeschichte, die mit der wu-
chernden publizistischen Mythenbildung um die Gründung des deutschen Rundfunks
aufräumte und eine neue Tradition der Rundfunkhistoriographie eröffnete. Bis heute
ist dieses Standardwerk Ausgangspunkt und Vorbild zugleich für eine Fülle von neuen,
unter Lergs Betreuung in Münster oder an anderen Universitäten (und dort vielfach auf
seine Anregung hin) angefertigten Dissertationen, Magister- und Diplomarbeiten über
die institutionelle Entstehung und Entwicklung der beiden Rundfunk-Medien, ihre recht-
lichen, wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen, ihre Programmangebote
sowie ihre publizistische und Kulturbedeutung - aber auch über die Interessen des
Staates und der Parteien, Einfluß auf diese Mittel zu gewinnen und auszuüben. Die Dis-
sertation, zwei Jahre nach ihrem Erscheinen 1965 schon vergriffen und 1970 neuauf-
gelegt, begründete Lergs internationalen Ruf als unbestrittene Autorität der Rundfunk-
historiographie, den er in den folgenden Jahren durch vielfältige einschlägige Studien
eindrucksvoll festigte, etwa durch seine kommunikationshistorische Strukturanalyse
über die „Entstehung der deutschen Rundfunktopographie“ (1984), besonders aber
durch seine vier Jahre zuvor vorgelegte Monographie über die „Rundfunkpolitik in der
Weimarer Republik“. Und schließlich offenbarte bereits die Dissertation, was Lerg bald
in verschiedenen methodischen und breit angelegten medienhistorischen Aufsätzen
unterstrich: Er war ein starker Methodologe und Systematiker.
 
         
      Ein Jahr nach dem Abschluß seiner Dissertation veröffentlichte Winfried B. Lerg ge-
meinsam mit Franz Dröge in dieser Zeitschrift einen aufsehenerregenden Aufsatz unter
dem Titel „Kritik der Kommunikationswissenschaft“, der eindrucksvoll demonstrierte,
daß das Münsteraner Institut bei der kritischen Aneignung von Theorien, Methoden
und Resultaten nordamerikanischer Kommunikationsforschung längst eine exponierte
Rolle übernommen hatte. Fraglos war Henk Prakke in Münster Spiritus rector der aus
dieser Rezeption hergeleiteten sozialwissenschaftlichen „Entgrenzung“ der intentiona-
len, auf die Medien fixierten Publizistikwissenschaft und der Ausformung einer „funk-
tionalen Publizistikwissenschaft“ als neuem Paradigma der Disziplin. Doch konnte er
sich dabei ebenso fraglos auf das profunde Wissen und die ähnlich gelagerten Inte-
ressen seines Assistenten Lerg stützen, die von diesem in einigen seit 1959 in der
`Publizistik` veröffentlichten Rezensionen angedeutet worden waren. Und Henk Prakke
hatte es neben seinen beiden anderen Assistenten Michael Schmolke und Franz Dröge
wohl in besonderem Maße Lerg zu danken, daß er in bewusster Anküpfung an die
wissenschaftliche Lehre seines Vorgängers Walter Hagemann 1966 eine systematisch
ergänzte und ausführlich kommentierte Neuauflage von dessen Einführungsbuch
„Grundzüge der Publizistik“ herausbringen konnte so­wie zwei Jahre später als neues
schulebildendes Lehrbuch die Monographie „Kommunikation der Gesellschaft“.
 
         
     

Henk Prakke hat einige Jahre nach seiner 1969 erfolgten Emeritierung bekannt, wie
bedeutsam gerade dieses kongeniale Verständnis zwischen ihm und seinem Assis-
tenten Lerg für die inspirierende, die wissenschaftliche Perspektive öffnende Lehr- und
Forschungsatmosphäre war, die der weltläufige Niederländer im Münsteraner Institut
zu entfalten verstand. Sie fand ihren Niederschlag in den beiden genannten sowie in
vielen weiteren Publikations- und Forschungsprojekten, darunter die von Lerg gemein-
sam mit Franz Dröge und Rainer Weißenborn vorgenommene Aussagenanalyse der
Fernseh-Wahlwerbung 1969 und die fünfte Auflage des „Handbuchs der Weltpresse“,
die Prakke gemeinsam mit Lerg und Schmolke 1970 herausgab (es ist übrigens bis
heute die letzte Ausgabe dieses so nützlichen, freilich längst veralteten Nachschlage-
werkes geblieben). Schon im Oktober 1963 hatte Prakke seinen Assistenten Lerg zu
einer für die künftige Organisation des Faches wichtigen Tagung mit nach München ge-
nommen, in deren Verlauf die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungs-
wissenschaft gegründet wurde; ihren Vorsitz sollte Lerg genau zwanzig Jahre später
für eine Amtsdekade übernehmen.

 
         
      Diese wenigen Hinweise mögen genügen, um verständlich zu machen, daß Prakke in
seinem Assistenten den Prätendenten auf den Münsteraner Lehrstuhl und das Insti-
tutsdirektorat sah, als sich Lerg Anfang Mai 1969 mit einer Arbeit über „Das Gespräch.
Theorie und Praxis der unvermittelten Kommunikation“ und einem Probevor­trag über
„Gegenstand und Methode publizistischer Zukunftsforschung“ habilitierte. Mit seinen
beiden Habilitationsleistungen öffnete Lerg neue Perspektiven in der Publizistikwissen-
schaft: die im Fach bis dahin kaum beachtete prognostische Dimension sowie anderer-
seits die auf sozialwissenschaftlichen Theorien gründende Analyse der (unvermittelten)
Humankommunikation als genuines Forschungsfeld der Disziplin. Lergs Habilitations-
schrift bietet eine Fülle wesentlicher Erkenntnisse für eine umfas­sende Theorie der
Kommunikation, und sie stellt zugleich ein elementares Kapitel der Wissenschafts-
geschichte der Disziplin dar, worauf besonders eine ausführliche Rezension in dieser
Zeitschrift aufmerksam machte, nachdem die Arbeit 1970 im Buchhandel erschienen war.
 
         
      Der „Kampf um die Nachfolge“ Prakkes, der unter den politischen Fahnen der Studenten-
revolution ausgefochten wurde und zu fundamentalen Brüchen in der Ge­meinsamkeit im
Institut führte, hatte seine Spuren bei Winfried B. Lerg hinterlassen, als er 1970 zum
Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie - zunächst kommis-
sarisch - zum Institutsdirektor ernannt und im Jahr darauf auch auf den Lehrstuhl be-
rufen wurde. Im Institut am münsterischen Domplatz hatte sich eine studentische „Rote
Zelle Publizistik“ gebildet, die mit einiger Radikalität agierte, eine bedrückende Politi-
sierung im Institut heraufbeschwor und die Lehre empfindlich lähmte. In den auf eine
Demokratisierung der Universität gerichteten dogmatischen Forderungen und in den in
die Universitätsgremien getragenen Aktionen dieser Gruppe und ihrer Sympathisanten
erkannte Lerg eine sicherlich nicht unbegründete Gefährdung der Selbständigkeit des
Instituts, wie er sie schon einmal zehn Jahre zuvor erlebt hatte. Daß der sozialwissen-
schaftliche Fachbereich der Universität Münster seinerzeit verschiedenen Forderungen
dieser Gruppe zuneigte, hat bei Lerg ein nie ganz überwundenes Mißtrauen gegenüber
diesem Gremium der akademischen Selbstverwaltung hinterlassen. Diese Erfahrungen
am Beginn seiner Amtszeit haben ihn in administrativen Fragen, von welchen er die von
ihm argwöhnisch verteidigte Autonomie des Instituts und seine Zuständigkeit als Insti-
tutsdirektor berührt sah, eigenwillig werden lassen und in der kollegialen Zusammen-
arbeit auf nicht leicht zu ergründende Art verschlossen — mitunter selbst gegenüber
wohlmeinenden Ratschlägen. Andererseits ist es Lerg während seines fast 25jährigen
Direktorats gelungen, das Institut personell erheblich auszubauen, sein Renommee als
Lehr- und Forschungseinrichtung wieder zu festigen und seine Literatur- und Archivbe-
stände durch reichlich eingeworbene Drittmittel und eine systematische Erwerbungs-
strategie zu einer vorzüglichen Fachbibliothek zu entwickeln.
 
         
      Von seinem Naturell her war Winfried B. Lerg ein Individualforscher. Nirgendwo kam
dies deutlicher zum Ausdruck als in seiner zeitaufwendigen Tätigkeit als fachlicher Mit-
arbeiter der „Brockhaus Enzyklopädie“, für deren 17. bis 19. Auflage er seit 1966 un-
zählige, mit wissenschaftlicher Akribie recherchierte Artikel geschrieben hat, sowie in
seinen zahlreichen Beiträgen für die `Mitteilungen` des Studienkreis Rundfunk und
Geschichte, mit welchen er der Zeitschrift dieser von ihm 1969 mitbegründeten fach-
wissenschaftlichen Vereinigung ganz entscheidend zum Durchbruch und zu ihrem heu-
tigen Ansehen als rundfunkgeschichtlichem Fachperiodikum verholfen hat. Großange-
legten Forschungsprojekten mit hohem Organisationsaufwand, den er mitunter als
pures akademisches „Eindrucksmanagement“ kritisierte, stand er hingegen skeptisch
gegenüber. Die von ihm eingeworbenen oder initiierten Projekte, darunter „Massen-
medien und ihre Wirkungen“ (mit Josef Hackforth), „Presse im Exil“ (mit Hanno Hardt
und Elke Hilscher), „Kommunikation und Dogmatismus“ (mit Brigitte Hammer, Reinold W.
Vogt und Klaus Wehmeier), „Wissenschaftliche Begleitforschung zum Bildschirmtextver-
such in Nordrhein-Westfalen“ (mit Elmar Bröker) oder zuletzt „Perestroika und Glasnost
im sowjetischen Rundfunk“ (mit Marianne Raven­stein und Sabine Schiller-Lerg), „Ge-
schichte des Norddeutschen Rundfunks“ (gemeinsam mit Wolfram Köhler und Arnulf
Kutsch) sowie „Integrationsfähigkeit von 15 %-Gruppen in kommerzielle Lokalradios in
Nordrhein Westfalen“ (mit Angela Rieger und Jan Schenkewitz) waren in ihrem organi-
satorischen Gestus unprätentiös. Meist gemeinsam mit seinen Studenten bearbeitet,
verstand er diese hinsichtlich ihrer wis­senschaftlichen Erträge allemal beachtlichen,
durchweg in Buchform veröffentlichten Untersuchungen als eine Möglichkeit, die von
ihm auch angesichts überbordender Studentenzahlen stets gesuchte Einheit von For-
schung und Lehre zu verwirklichen.
 
         
      Trotz ihrer beachtlichen thematischen Breite lassen seine Veröffentlichungen unschwer
erkennen, daß Lergs wissenschaftliche Interessen sich in den zurückliegenden Jahren
immer stärker auf die Ausformung und theoretische Fundierung einer sozialhistorischen
Kommunikationsgeschichte richteten, als deren strukturierendes Zentrum er den kom-
munikativen Prozeß bezeichnete und die letztlich zu einer Theorie des publizistischen
Wandels führen sollte. Sein Konzept, das er erstmals 1977 auf dem Bremer Symposium
über „Presse und Geschichte“ vortrug und begründete, be­stimmte in den folgenden
Jahren die Themen einer Reihe seiner Seminare und Kol­loquien im Münsteraner Institut,
fand seinen Niederschlag in verschiedenen, von Lerg betreuten Examensarbeiten und
beeinflußte nachhaltig die Thematik der Jahresta­gungen des Studienkreises Rundfunk
und Geschichte bis weit in die 80er Jahre.
 
         
      Daß Lerg nicht die Muße gefunden hat, für dieses ihm so wichtige Forschungsfeld eine
umfassende Monographie zur Theorie und Methodologie der Kommunikationsgeschich-
te vorzulegen, kann man nur verstehen, wenn man berücksichtigt, welchen immensen
Teil seiner Arbeitszeit und -kraft er in die Betreuung seiner Doktoranden und Magister-
kandidaten investierte. Es waren schließlich mehrere hundert Studentinnen und Stu-
denten, deren wissenschaftliche Abschlußarbeiten er vom ersten Gedankenkonzept
bis hin zum fertigen Manuskript mit gewissenhafter Beharrlichkeit, mit fachlichen Rat-
schlägen und sehr persönlicher Ermunterung begleitete, wobei ein reiches Maß seines
schier unerschöpflichen Wissens und seiner gedanklichen Koautor­schaft in diese Ar-
beiten einfloß. In der Festschrift, die seine Freunde, Kollegen und Mitarbeiter Winfried B.
Lerg zum 60. Geburtstag zugeeignet haben, schrieb der Präsident des Bundesarchivs,
der Historiker Friedrich P. Kahlenberg, über den Münste­raner Hochschullehrer: „Ich
kenne wenige akademische Kollegen, die von einem vergleichbar ursprünglichen, weil
in der Gesamtpersönlichkeit wurzelnden pädagogischen Eros durchdrungen wären und
sich im Kontakt mit der jungen Generation dazu auch bekennen“.
 
         
     

Winfried B. Lerg war seinen Schülern ein liberaler und ein toleranter akademischer
Lehrer. Vielen von ihnen mag nicht entgangen sein, daß dieser Pfeifenraucher und
Hundeliebhaber, der Emailschilder sammelte und alte Rundfunkgeräte, der seinen
bibliophilen Interessen mit Passion nachging und der Gregorianische Gesänge und
Jazz liebte, seinem Wesen nach ein gütiger und verständnisvoller, ein bescheidener
und überaus hilfsbereiter Mensch war. Er wird uns als Freund, als Förderer und als
Wissenschaftler sehr fehlen.

 
     
 
         
      In: Publizistik. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung 40. Jahrgang 1995, S. 361 - 364  
         
         
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